Inhalt


Vorwort          5

Einleitung        7

• Reisen zur Erweiterung der Einflußsphäre         31
(über Beschreibungen von Entdeckern und Eroberern, deren Reise vom Motiv der Expansion bestimmt wird)

• Reisen zur Erfüllung von Missionen               56
(über Beschreibungen von Amtsträgern, die berufliche Pflichterfüllung zur Reise veranlaßt)

• Reisen zur Erweiterung des geistigen Horizonts          83
(über Beschreibungen von Forschungs- und Bildungsreisenden)

• Reisen zur Selbstverwirklichung                  108
(über Beschreibungen von Abenteurern und Weltenbummlern)

• Reisen unter dem Druck der Umstände                136
(über Beschreibungen von Flüchtlingen, Emigranten und Verschleppten, die sich notgedrungen in die Fremde verschlagen oder unfreiwillig dort festgehalten sehen)

• Reisen zur Inspektion           161
(über Beschreibungen von unabhängigen Berichterstattern, die zur Informationsbeschaffung für politische Meinungsbildung unterwegs sind)

• Reisen zur Pflege von Bekanntschaften            202
(über Beschreibungen von Reisenden, die sich von Einladungen zu ihrer Fahrt bewegen lassen)

• Reisen zum Vergnügen             231
(über Beschreibungen von Urlaubern, die Abwechslung und Erholung suchen)

Zusammenfassung: Wie sich Kontakt mit anderer Kultur darstellt     275

Ausblick auf experimentierfreudigere Reisende         309


Anhang

Anmerkungen          347

"Baum" und "Halbverband" – Erläuterungen zu zwei abstrakten Strukturen                393

Verzeichnis der in den einzelnen Kapiteln zitierten Autoren         395

Kommentiertes Literatur- und Autorenverzeichnis (in chronologischer Reihenfolge)            397

Bibliographie der Primärliteratur               407

Verzeichnis der verwendeten Sekundärliteratur              415

Bildnachweis            418


Vorwort


Reisen in alle Welt bilden eine spektakuläre Zeiterscheinung, in der sich ein Stück modernen Lebensgefühls verkörpert. Die Möglichkeit eines temporären Ortswechsels ist im Zeitalter müheloser Fortbewegung und globaler Verflechtung so selbstverständlich geworden, daß die Berührung mit anderer Kultur dabei kein Problem mehr darzustellen scheint. Doch die scheinbare
Problemlosigkeit des Reisens beruht vorwiegend auf weiträumiger Verdrängung des Fremden aus dem Blickfeld der Reisenden. Wohin sie auch kommen, können sie sich auf "internationalen Standard" stützen, der weltweit zum Maßstab der Zivilisation nach europäischem Muster geworden ist. Da die Vergünstigung, ungehindert globale Bewegungsfreiheit auszukosten, ohnehin vor allem den Trägern abendländischer Kultur zuteil wird, bedeutet die kulturelle Vereinheitlichung für die Mobilen eine Erleichterung, während die gesetzte Norm für die ortsgebundeneren Heimgesuchten anderer Kultur eine Anforderung darstellt, der sie erst durch
Anpassung gerecht werden. In dem Austauschverhältnis zwischen den Kulturen der "Entwickelten" und der "Unterentwickelten" - der "Zivilisierten" und der "Wilden", wie man sie vorher nannte - wird schon, was den Reiseverkehr betrifft, eine prägnante Asymmetrie deutlich, die den Besuchten die Bedingungen der Besucher diktiert.- Die Form des Reisens hat sich, wie vieles andere, im Lauf der europäischen Expansion nach Übersee zu dem Phänomen entwickelt, das sie heute in vielen Facetten darstellt. Bei dem Siegeszug kolonialer Erschließung der Fremde haben sich klare Strukturen im Umgang mit Vertretern anderer Kultur herausgebildet, die Reisende in ihrer Haltung dem Exotischen gegenüber bis heute prägen. Wer in unbekannte Ferne vorstößt, wandelt unwillkürlich auf den Spuren der Entdecker.

An der Fülle begeisterter Selbstzeugnisse von Reisenden läßt sich ablesen, wie sich in der Konfrontation mit dem Fremden ein europäisches Selbstverständnis konsolidiert, das sich in
zivilisatorischer Mission über andere Kultur hinwegsetzt. So anregend die Freiheit des Reisens empfunden wird, so beschränkt stellt sich - bei aller Weltläufigkeit - das gewonnene Verständnis für kulturell Fremdes dar. Wider alle Beteuerungen, verlangt es offenbar kaum einen je danach, Vertreter anderer Lebensformen eingehender kennenzulernen, deren Länder so begeistert aufgesucht werden. Nichtsdestoweniger herrschen über sie so feste wie pauschale Vorstellungen. Wenn dem Abenteuer in der Fremde mittlerweile viele Wege geebnet sind, erhöht sich damit vor
allem die Chance, über die Herausforderung des Exotischen zu triumphieren, ohne damit näher vertraut zu werden. Mit den Vorzügen überlegener Zivilisation übernehmen die Reisenden
auch ein Handikap, das ihnen das Verständnis des Fremden hartnäckig verstellt. Denn wir können unterschiedliche Lebensweisen nur verstehen, wenn wir uns darauf einstellen und unsere eigene
nicht als die einzig maßgebliche betrachten. Dem Reiseverkehr den Effekt der Völkerverständigung zu unterstellen, bleibt ein tragisches Mißverständnis, solange ein überlegenes Selbstgefühl die Besucher zu lernen abhält, sich auf die kulturelle Eigenart der Besuchten einzustellen.

Wenn ich die Erfahrungshaltung von Reisenden in die Karibik zu beleuchten versuche, wie sie aus dem breiten Spektrum europäischer Reisedokumentation hervorgeht, so hoffe ich damit zu jener Selbstreflexion anzuregen, die die Texte so weitgehend vermissen lassen. Die Art, wie wir uns die Welt aneignen, bestimmt unseren Erfahrungshorizont wesentlich mit. Wenn man die charakteristischen Beschränkungen erkennt, denen der Austausch mit den Außereuropäern unterworfen bleibt, dann könnte dies, wie ich glaube, dazu beitragen, das eingefahrene Denk- und
Handlungsmuster zu überprüfen. Denn primitiv sind weniger die "Anderen" als jene triviale Denkweise über andere Kulturen, die neben Machtwillen vor allem profundes Unverständnis für alles Fremde wiederspiegelt.

Da die Arbeit an dem Projekt sich langwieriger gestaltete als gedacht und nicht immer unter den einfachsten Bedingungen vor sich ging, möchte ich denen besonders danken, die mit ihrer Unterstützung zur Fertigstellung erheblich beigetragen haben: Prof. Ronald Daus für Ermutigung und Förderung in kritischen Phasen, meinen Eltern Christiana und Jürgen für die notwendige finanzielle Unterstützung, Tina für ihre Geduld mit einem endlos in stille Betrachtungen versunkenen Lebensgefährten.

(Ibiza, Oktober 1992)                                                                    Chris von Gagern